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16. Nov 2015 Comments (0) Views: 921 AKTIV, Allgemein, Kunst, MENSCHEN, Städte, ZIELE

Zu Gast beim Drachen – Besuche in Sevilla und Osuna

Im Auftrag der heiligen, der spanischen Sache eilte ich gen Osuna, einem kleinen, schmucken Ort nahe Sevilla, dessen historische Fassaden Hollywood-Weihen gefunden hatte. In der Stierkampfarena wurden Teile der 5. Staffel von Game of Thrones (GoT) gedreht, hier kämpften edle Recken für die Ehre und Karriere und um der Drachenkönigin Daenerys Targaryen zu gefallen. Ich hatte zuvor die erste Staffel für meine knallharte Recherche und zur fundierten Vorbereitung angeschaut und muss zugeben: I GoT infected.

Eigentlich ist in Osuna tote Hose („pantalones muertos“). Schöne Häuser, keine Frage, zur Karwoche wie fast überall in Spanien lebendiges Brauchtum, aber ansonsten steppt hier nicht unbedingt der Bär (obgleich das brummige Tier der Namensgeber für das Städtchen ist). Von daher entpuppte sich der Dreh als Glücksgriff für das kleine Kaff, denn hier können Fans künftig auf Tuchfühlung gehen.

Ein Museum für Game of Thrones
Der vermutlich größte spanische Fan der HBO-Produktion, Jesús Cansino, baut derzeit ein Museum auf mit Devotionalien und Merchandising-Artikeln. Er zeigt stolz seine Schätze, darunter Autogramme (u.a. eines von unserem Mann in Hollywood, Tom Wlaschiha),Schwerter, Helme, Figuren und sonstiges Zubehör – insgesamt 300 Gegenstände.

Jesus mit dem Autogramm von Tom Wlaschiha_crop

Fans können in die Klamotten schlüpfen, ordentlich das Schwert schwingen und sich fotografieren lassen (so wie ich im Dress eines Wächters und im Fummel von Jon Schnee). Es ist Großes geplant, deutet Jesús an: er will nicht zu viel verraten, aber in der Arena soll eine Kopie des sagenhaften Thrones stehen sowie etwas Mächtiges, Schuppiges, Feuerspeiendes.
Ich bin ziemlich angefixt und freue mich auf die nächsten Staffeln – auch wenn ich dank Jesús schon fast komplett die Handlung der 5. Staffel kenne. Er warnt zwar jedes Mal „Spoiler-Alarm“, aber bevor ich mir die Ohren zuhalten kann, hat er schon alles erzählt.

Der Autor in der Arena von Osuna im aktuellen GoT-Look_crop

Was gibt es noch in Osuna zu sehen?
Ein echtes Highlight auch für Nicht-Serien-Gucker ist die Kathedrale „Santa María de la Asunción“ mit drei Schiffen und der Grabkapelle der Herzöge von Osuna. Geführt werden wir von Rosaria, einer älteren Dame, die sich ein bisschen so benimmt, als gehörte die Kirche ihr.
Stolz spaziert sie vor uns her und zeigt uns die kuriose Grabkapelle, die wie eine Bonsai-Variante der Kirche oben aussieht. Alles ist da: Altar, Kanzel, drei Schiffe und eine beeindruckender Ausmalung, die kürzlich erst gereinigt wurde. Kunsthistorisch interessant ist die Kirche auch dank mehrerer Bilder von José de Ribera. Schließlich führt uns Rosaria zu einer alten Orgel aus dem 16. Jahrhundert und spielt etwas wackelig „Stille Nacht“. Karl V soll mit ihr (also der Orgel) gereist sein – damals sicher nicht elektrisch betrieben und für andere Schlager genutzt als dem weihnachtlichen Evergreen, den unsere Führerin bemüht.
Weitere Infos: www.osuna.es

In der Kathedrale von Osuna_cropLa Giralda_crop

Wo liegt Christopher Columbus begraben?
Nachmittags geht es zurück nach Sevilla, der vermutlich schönsten Stadt Spaniens. Die engen Straßen und verwinkelten Gassen der Altstadt sind eine Herausforderung für jeden Pfadfinder – ich habe wohl selten so oft auf Google-Maps schauen müssen. Andererseits lohnt es sich, einfach drauf los zu laufen und den Zufall zu seinem persönlichen Touristenguide zu erklären. Verirren ist nicht, denn „¿Dónde está la Catedral?“, klappt eigentlich immer. Mein Fazit lässt sich in fünf Worte und vier Satzzeichen fassen: Hammer!!! Hinfahren und selbst anschauen.

Das Grab von Columbus_crop

Die Kathedrale, immerhin die drittgrößte Europas, mit ihrem Grabmal für Christopher Columbus ist brachial monumental. Vier lebensgroße Könige tragen die modernden Reste des alten Weltenbummlers in einem Sarkophag, etwas bescheidener unter eine banalen Grabplatte im Boden ist dafür sein Sohn begraben. Ich staune und schaue. Die Altäre, die Decken, die Orgel (aus Passau!), die Menschenmassen – alles ist beeindruckend. Angesichts der Tatsache, dass Sevilla einst das Tor zu den Kolonien war und Hauptumschlagplatz des spanischen Seehandels, wundert es kaum, dass hier die Prachtentfaltung so prachtvoll entfaltet wurde.
Noch so ein Must-see: der Alcázar im Mudejar-Stil. Auch wenn nahezu alle Räume arabisch aussehen, stammen nur wenige Teile aus der Zeit, als die Araber die Herrschaft innehatten. Peter I ließ aus Granada maurische Handwerker kommen, um seinen Palast auszugestalten. Fusion war schon damals Fashion.

Im Alcazar von Sevilla_crop

Der Takt von Sevilla oder: Wo gibt es echten Flamenco?
Überhaupt: Fusion ist ein wichtiges Thema gerade in Andalusien, hier fließt alles zusammen, vermischt sich, lässt Neues entstehen. Nicht nur in der Architektur oder in der Gastronomie. Auch im Tanz: das rhythmische Nationalheiligtum, der Flamenco, ist auch so eine wilde Melange. Indische Einflüsse, ein Hauch Zigeuner-Kultur, etwas Sklaven-Geschichte und sehr viel Leidenschaft: fertig ist die Tanz gewordene Liebe zum expressiven Ausdruck. Das Flamenco-Museum bringt dieses Phänomen den Besuchern näher und da in der Praxis ohnehin alles verständlicher wird, schließt der Besuch mit einer Live-Show.

Leidenschaft beim Flamenco_crop
Ich wurde ja damals in den Siebzigern musikalisch sozialisiert mit Eins-Zwei-Drei-Wechselschritt, Beatles und Howard Carpendale und dachte, ich wäre immun gegen mitreißende Akkorde. Doch die Magie der Musik ergreift mich umgehend. Das Stampfen des Tänzers dringt direkt in meinen Bauch. Das Klatschen der Hände seiner Kollegin betäubt mein Hirn. Das wilde Herumschwingen ihres Kleids macht mir eine Fönfrisur. Die Gesänge berühren meine Seele und pusten Gänsehäute auf meine Haut. Die Menschen aus aller Welt, die im Publikum sitzen, halten gemeinsam die Luft an, werden für Augenblicke zu einer einzigen staunenden Einheit. Neben mir weint eine Zuschauerin vor (Be-)Rührung und ich nehme mir vor, zumindest dieses Erlebnis ganz ironiefrei zu beschreiben. Also: Wow.

Malerische Häuser in Sevilla_cropDas moderne Sevilla_crop

Viel zu kurze Tage gehen zu Ende, ich reise zurück aus einer Welt, die in ihrer Exotik und nicht zuletzt dank ihrer reichhaltigen Geschichte einmalig ist. Die Sevillanos: Offen, neugierig und freundlich. Mehr als eine Reise wert!

Lecker, lecker oder: Was tun in Sevilla
Hier noch schnell meine Tipps fürs leckere Essen und gepflegte Hopfenprodukte:
Bierchen gefällig: Selbst gebraut und sehr süffig. Tapas sorgen für eine gute Grundlage: Maquila Bar C/Delgado, 4. 41002 Sevilla www.maquilabar.com
Fusion (schon wieder), dieses Mal aus mediterraner und asiatischer Küche. Originell, überraschend, neu: Restaurante DMercado, c/ Conde de Barajas, 23. www.dmercao.com
Direkt an der Kathedrale, aber kein Touristen-Nepp: Don Juan de Alemanes, Alemanes, 7, 41004 Sevilla, www.roblesrestaurantes.com

Wo kann man in Wein baden?
Und sonst so: Ich habe ja schon in vielem gebadet, in Seen und Meeren, in der Menge und in Selbstmitleid, aber in Rotwein? Oh ja, das geht in Sevilla. Dekadent und sehr erholsam, nicht zuletzt dank Gesichtsmassage. Anschließend ein Gläschen Rotwein im Whirlpool auf dem Dach mit Blick auf die Kathedrale. Muy dekadent – sagte ich das schon? Menschen mit Traubenallergie entspannen in diesem Hammam z.B. im Salzbad, Jacuzzi oder Dampfbad.
Aire Hammam, C/ Aire, 41004 Sevilla, www.beaire.com

 

 

Die Reise wurde unterstützt von Vueling (www.vueling.com). image001

 

Bildnachweise:

Alle Fotos © Clemens Glade

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