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1. Mrz 2015 Comments (0) Views: 1570 AKTIV, Allgemein

Zick-Zack-Steil & Tütennudeln

Im Zentrum Teneriffas liegt der höchste Berg Spaniens, der 3.718 Meter hohe Pico del Teide. Eine Seilbahn bringt die meisten Touristen bis kurz unter den Krater des Vulkans.

Doch unser Autor hat den Reinhold Messner in sich entfesselt und bestieg den schlafenden Koloss, der hier und da mächtig streng nach Schwefel roch.

 

Der erste Teil der Etappe hoch zum Gipfel des Teide ist einfach – wir fahren mit dem Auto durch Kiefernwälder. Nebelschwaden hängen schwer in den Zweigen, schroff ragen Felsen empor, windet der Weg sich immer weiter durch verschiedene Vegetationsstufen. Am Fuße der Seilbahn schließlich umgibt uns eine sonderbare Landschaft: surreal, karg, steinig. Weite Flächen mit Schotter und Felsen, Hügel und Hänge, vereinzelte Pflanzen behaupten sich wacker. Wir parken, wandern los. Gemütlich windet sich der Weg durch das fremdartige Terrain. Rot, Braun und Grau in allen Schattierungen. Hier und da ragt ein vertrockneter Natternkopf in den nebelgrauen Himmel (die Blume, nicht die Schlange), als wolle sie uns den Weg weisen und zugleich vor der Unwirtlichkeit warnen. Große Steineier liegen links und rechts des Wegs wie von Riesen dorthin gemurmelt. Unterwegs begegnen uns andere Wanderer, wir grüßen uns mit fröhlichem „Hola!“.

Nach gut zwei Stunden etwa endet der gemütliche Teil, nun heißt es in die Höhe steigen. Steil geht es im Zickzack die Felsenwand empor. Über Geröllfelder und felsige Partien, dann wieder kämpfen wir uns durch Büsche mit ledernen Zweigen in Hüfthöhe. Immer höher windet sich der Pfad, mäandert hin und her. Zwischendurch: Atem holen, Weite genießen, Blick schweifen lassen über Berge und Täler ringsum. Langsam kriechen von unten Nebelschwaden, verdichten sich zu Wolken und legen sich daunendeckengleich über die Landschaft. Dann endlich nach drei Stunden Aufstieg: die Hütte Altavista in 3.260 Metern Höhe, Heimstatt für die kommende Nacht, mit Komfort nicht minder karg als die Natur hier.

Auf der Hütte gibt es Toiletten, Waschbecken, eine Küche mit Mikrowelle, zwei Kochplatten, Wasserkocher sowie Schlafräume mit Stockbetten. Wir wärmen uns Instantnudeln, teilen die Platten mit Esperanza aus Madrid, radebrechen mit Manuel aus Mailand und scherzen mit Angel von Teneriffa. Emilio aus Kalabrien mit lustigen Rastalocken ist mit seinem Kumpel Marco da, eine Familie kommt aus Deutschland und eine aus Holland. Mit Hector aus Gran Canaria – ein Hüne von Mann – und seiner Freundin beziehen wir ein Sechs-Bett-Zimmer.

Die Nacht ist kurz: Um 4:45 Uhr kochen wir uns rasch einen Tee und setzen den Aufstieg fort. Es ist eiskalt, grabesstill und dunkel. Ohne unsere Stirnlampen würden wir den bindfadenschmalen Weg durch Fels und Gestein kaum erkennen, ohne Daunenjacken und Mützen jämmerlich frieren. Gut, dass wir Handschuhe haben – wir stützen uns ab, ziehen uns hoch, halten uns fest. Es geht steil bergauf. Ein um das andere Mal müssen wir innehalten, in der dünnen Luft nach Sauerstoff schnappen. Über uns die staunendklare Nacht, mit leuchtenden Sternen am samtenen Himmel. Längst schweißnass erreichen wir nach zwei Stunden das obere Ende der Bergbahn. Nun heißt es Endspurt wagen. Noch steiler geht es empor, nackter Fels unter unseren tastenden Füßen. Schließlich der Kraterrand, von übelriechenden Schweldämpfen umweht, von beeindruckender Stille umwoben, von schneidender Kälte umhüllt. Im Osten der erste Schein, eine Lichterahnung fast nur, die schnell Gewissheit wird. Die Sonne streckt die ersten Strahlen aus, gießt farbige Pracht über den Wolkenteppich zu unseren Füßen, deren Grau bald gleißendes Weiß wird. Wir: verschwitzt, erschöpft, durchgefroren. Aber so unendlich glücklich, von der Schöpfung umarmt.

Hinunter geht es schneller. Eine halbe Stunde bergab, ein munterer Sprung, ein gewagter Schritt, aber nach diesem Aufstieg scheint alles möglich. An der Seilbahn ein Blick zum Kraterrand, vereinzelt Schwefelschwaden, Wolkenfetzen, der Teide scheint uns zu winken. Wir grüßen zurück und besteigen zufrieden die Seilbahn, die uns nur acht Minuten später wieder ausspuckt.  Unvergessliches Erlebnis, einmaliger Sinnenrausch, der Stoff, aus dem Enkelerzählungen gemacht sind.

 

Info
Der Nationalpark trägt seit 2007 das Siegel des UNESCO-Weltkulturerbes als Naturgut, ein Aufstieg des Kraters muss genehmigt werden.

 

 

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Bildnachweis:
Beitragsbild ©C.Privat
Bilder v.o.l.n.u.r. ©C.Privat

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