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2. Okt 2015 Comments (0) Views: 1112 Allgemein, Kunst, MENSCHEN, NEWS, Städte, ZIELE

Mehr als Picasso: Auf den Spuren der Spanier im Städel

  • Diego Rodriguez de Velazquez (1599-1660), Bildnis des Kardinals Gaspar de Borja y Velasco. 1643-1645
  • Jusepe de Ribera (Játiva 1591 – 1652), Der Heilige Jakobus der Ältere, um 1615/16
  • Pablo Picasso, Bildnis Fernande Olivier (1909)

Als alter Frankfurter (Kinn hängen lassen und nachsprechen: „Aldä Frangfodder“) liebe ich natürlich das Städel und so ist es für mich bei meinen Besuchen in der Mainstadt fast jedes Mal eine innere Pflicht und eine große Freude, dieses Museum mit seiner Kunst aus rund 700 Jahren zu besuchen.

Oftmals gibt es hier außerordentliche Ausstellungen zu sehen, zuletzt über Claude Monet, demnächst den „Dialog der Meisterwerke“, heute aber gibt es „nur“ die Dauerausstellung zu besuchen.

Natürlich ist es mir angesichts der schieren Masse an Werken schlicht unmöglich, die gesamte Sammlung zu betrachten und so mache ich mich auf die Suche nach spanischen Künstlern und ihrer Arbeit. Zwei Stunden später werde ich festgestellt haben: Es gibt nur wenige, dafür außerordentlich bedeutsame Bilder. Vor allem werde ich dann einen Ritt durch die Jahrhunderte gemacht haben, der mir – mit viel Mut zur Lücke – die Kunstgeschichte und vor allem das Städelsche Kunstinstitut noch näher gebracht hat.

Los geht es bei den Alten Schinken, Pardon: Meistern. Die freundliche Wärterin mit russischem Akzent führt mich auf meine Frage nach spanischen Malern durch drei Säle und zeigt mir, versteckt im hintersten Raum, das Gemälde eines etwas übel gelaunten Herrn in vollem Ornat, der verkniffen aus der verblassten kardinalsroten Wäsche schaut. Diego Rodríguez de Silva y Velázquez (1599–1660) hat das Porträt erschaffen und auch wenn ich den Kardinal Gaspar de Borja y Velasco unsympathisch finde, fesselt mich das Bild ganz ungemein. Hier in Gesellschaft des Frankfurter Bankiers Johannes Georg Leerse und seiner Frau (die Porträts der beiden hängen schräg gegenüber), in mitten von Stillleben und Ideallandschaften wird eine vergangene Zeit lebendig, beginnen trockene Geschichtsdaten zu leben. Doch gibt es nur diesen einen? Nur einen einzigen Alten Meister? Die Russin verzieht ihren tiefrot geschminkten Mund zu einem bedauernden „Oy!“ und zuckt die Schultern. Obwohl Vegetarier entdecke ich auf dem Rückweg zufällig noch einen weiteren Alten Jamón, dazu einen sehr bedeutenden.

Ätherisch, fast sanft schaut mich der Apostel Jakobus der Ältere an, entstanden um 1615. Obwohl so milde, strahlt die Gestalt etwas unglaublich Kraftvolles, Dynamisches aus. Hier wird die frohe Botschaft spürbar, die bei Velázquez etwas misanthropisch in Gestalt des Würdenträgers transportiert wird. Bei seinem Malerkollegen Jusepe de Ribera (Játiva 1591 – 1652 Neapel) hingegen leuchtet das Licht, scheint es den Apostel zu küssen und mit ihm gleich den Betrachter.

Ribera zählt zu den wichtigsten Malern des 17. Jahrhunderts und vereint die künstlerischen Errungenschaften zweier europäischer Schulen in einer Person. In der Provinz Valencia geboren, kann er als der bedeutendste spanische Maler neben Diego Velázquez (1599–1660) gelten, doch verbrachte er sein ganzes Künstlerleben in Italien – zunächst in Rom, danach im spanischen Vizekönigtum Neapel – und gehört damit auch zu den einflussreichsten Malern des italienischen Barock. Multikulti gab es schon damals.

Doch nun rasch in die Zeitmaschine und ab ins 20. Jahrhundert (in diesem Fall Treppe runter und ums Haus herum). Bei den Impressionisten hängt ein Frauenkopf von Pablo Picasso, ein Porträt von Fernande Olivier (1909), deren Züge nicht sehr schmeichelhaft abstrahiert wurden. Man möchte ihr ein Lifting empfehlen, denn in ihnen finden sich die schroffen Klippen der Berge bei Saragossa wieder, wo Picasso mit ihr, seiner Geliebten, Ferien machte. Gleich daneben steht eine Statue des Spaniers von 1932; ein Frauenkopf zur Unkenntlichkeit abstrahiert, mehr Kumulierung organischer Formen als Abbild etwas tatsächlich Lebendigen.

Um das dritte Werk von Picasso sehen zu können, muss ich die Sammlung wechseln. „Die Kauernde Frau“ ist von 1960 und somit Teil der Kunst nach 1945. Die Kuratoren des Städels haben Picasso neben Dubuffet, Giacometti und Bacon gehängt und versuchen so eine Antwort auf die zentralen Fragen nach dem Zweiten Weltkrieg zu finden: Wie kann man nach den Schrecken des Krieges noch den Menschen in all seiner Schönheit porträtieren? Hat er nicht bewiesen, dass er vor allem hässlich ist, seine Taten widerwärtig? Und doch scheint es ein Urbedürfnis des Menschen zu sein, sich und seinesgleichen abzubilden. Ein Bedürfnis, dem die Maler quer durch alle Jahrhunderte auf unterschiedlichste Weise nachkamen.

Am Ende schwirrt mir doch etwas das Köpfchen: Es ist in der Tat ein ordentlicher Ritt gewesen. Dank meiner treuen Begleiter, dem stets redseligen Audioguide, dem mitteilsamen Katalog und vor allem den freundlichen, hilfsbereiten Aufsehern, war es ein sehr aufschlussreicher und kurzweiliger. Ich freue mich schon auf den nächsten Besuch.

Städel Museum
Schaumainkai 63
60596 Frankfurt am Main

http://www.staedelmuseum.de/de

Bildnachweise:

Diego Rodriguez de Velazquez (1599-1660)
Bildnis des Kardinals Gaspar de Borja y Velasco. 1643-1645
© Städel Museum, Frankfurt am Main

Jusepe de Ribera (Játiva 1591 – 1652)
Der Heilige Jakobus der Ältere, um 1615/16
© Frankfurt am Main, Städel Museum
Gestiftet 2014 von Frau Dagmar Westberg, Frankfurt am Main

Pablo Picasso
Bildnis Fernande Olivier (1909)
Städel Museum, Frankfurt am Main
© Succession Picasso, VG Bild-Kunst

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