MENU

14. Nov 2017 Comments (0) Views: 523 Allgemein, Slider, Städte, ZIELE

Der Bilbao-Effekt

Hafenstädte sind meist offene, einladende Orte, anders als andere Städte. Nicht nur Waren und Güter, sondern auch Reisende aus aller Welt nehmen sie ganz selbstverständlich auf.

Meine Freundin T. war bilbaína oder auf Baskisch: bilbotarra, jedenfalls mehr als ein Jahrzehnt lang.

Allerdings hat sie nicht sehr viel erzählt von ihrer Wahlheimat. Ich weiß, sie hatte ein wenig Baskisch gelernt, natürlich um ihre Wertschätzung für den Ort zu zeigen, der sie, wie sie sagte, so warm empfangen hatte. Überhaupt hat sie nicht viel gesprochen. Sie hatte Kunst studiert in dieser Stadt. Dort, wo seit Mitte der 1990er Jahre die Kunstszene zu erwachen begann. Sie hat jedoch nicht erzählt, welchen Eindruck die einstige Industriestadt mit ihren Eisenkonstruktionen, den zahlreichen Brücken über den breiten Nervión auf sie machte, als sie dort anlandete. Sie erzählte nicht von den aufregenden architektonischen Neuerungen, den gläsernen Schneckenhäusern, die aus dem Untergrund in die Innenstadt hineinragen. (Architekt Sir Norman Foster hatte vielleicht Seeschnecken im Sinn als er 1995 die Eingänge für die erste Metrolinie der Stadt bauen ließ.) T. erzählte nicht einmal vom fischschuppenartigen Glitzern der Glas- und Titanfassade des Guggenheim-Museums, in dem sie eine Zeit lang arbeitete, auch nichts von den immer wechselnden zeitgenössischen Kunstausstellungen in seinem Inneren.

Dann und wann, erzählte sie aber von den introvertierten, herzlichen Leuten, denen sie begegnet war in den Cafés und Bars der Stadt, wie den ehrwürdigen Cafés Iruña oder El Mercante. Von den Abenden an den typischen Pintxo-Bartresen bei Kabeljau und fruchtigem baskischen Weißwein, von Künstlerkneipen und langen Nächten bei Patxaran Likör mit Freunden und Kollegen. Vom Großmarkt La Ribera und Gerichten mit weißem Spargel aus der Region. Von Morgenden am breiten Strand des Fischerstädtchens Algorta, das man mit der Metro erreichen kann. Sie erzählte, dass sie aus der Karibik kommend in diesem häufig verregneten, von der Eisenproduktion und dann von der Deindustrialisierung geprägten Provinzhauptstädtchen mit seiner seltsamen Sprache etwas fand, das sie 10 Jahre lang dort bleiben ließ, bevor sie nach Hause zurückkehrte.

In Reiseführern bezeichnet der Bilbao-Effekt die Anziehung, die die Stadt seit mindestens 20 Jahren mit der urbanen Neuplanung und dem Bau des weltberühmten Guggenheim-Museums von Frank O. Gehry auf Touristen und kleine Geschäfte ausübt. Für mich ist es der Effekt, den eine auf den ersten Blick vielleicht etwas kauzig wirkende Stadt auf einen Menschen aus einer ganz anderen Welt haben kann: sich dort so wohlzufühlen, dass Bilbotarra-Sein zur zweiten Haut wird.

 

Bilder v.o.n.u.:

(c) María Fernández Medina

(c) www.bilbaoturismo.net

(c) www.bilbaoturismo.net 

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Wein, Wasser und Gestein – La Rioja